Geburtshilfe. Eine Momentaufnahme.

3 Störche schreiten durch eine Wiese

Der Zustand der Geburtshilfe in Deutschland wurde und wird viel diskutiert in der letzten Zeit, zumindest von den „Betroffenen“, also von werdenden Eltern, von Müttern, Vätern und Hebammen. Hebammenmangel, Kaiserschnittraten, Ökonomisierung der Geburtshilfe, überfüllte Kreißsäle, fehlende Aufklärung, rüdes Krankenhauspersonal, Gewalt unter der Geburt… Die Aufzählung der aktuellen Knackpunkte ließe sich fortsetzen. 

Kürzlich fand das Nachtreffen unseres Geburtsvorbereitungskurses statt. Um das Treffen selbst soll es hier gar nicht gehen, das  verlief, wie solche Frühstücks-Dates mit jungen Familien eben so sind.

Aber: Wie bei solchen Nachtreffen üblich, erzählten alle Paare ihre Geburtsgeschichten. Und was da so erzählt wurde, zeigt meines Erachtens ganz gut, was so los ist beim Gebären in Deutschland:

  • Von vier anwesenden Frauen hatten zwei einen Kaiserschnitt! Einer war geplant, einer (meiner) ergab sich unter der Geburt. Zwei weitere Familien konnten nicht zum Nachtreffen kommen, deren Geschichten kenne ich noch nicht. Aber selbst wenn die beiden keine Kaiserschnitte hatten, bleibt ein Quote von einem Drittel. Ein Drittel!
  • Drei Frauen wurden im Kreißsaal vom Klinikpersonal unter Druck gesetzt: Ihnen wurde erklärt, ihre Wehen seien zu schwach, der Fortschritt des Muttermundes sei zu gering und sie sollten einem Wehentropf zuzustimmen, „damit es endlich vorangeht“. Bei zweien führte das zumindest vorübergehend zum Ausfall der Wehen und sogar bis zum „richtigen“ Geburtsstillstand.
  • Bei beiden vaginalen Geburten wurden Dammschnitte gemacht. In beiden Fällen ohne Zustimmung der Frau und ohne ihre vorherige Aufklärung.
  • Bei beiden vaginalen Geburten wurde der Kristeller-Handgriff angewendet. In beiden Fällen ohne Vorwarnung und ohne Anleitung.
  • Bei einer der vaginalen Geburten kam die Saugglocke zum Einsatz.
  • Zwei Frauen hatten sich mit Hypnobirthing auf die Geburt vorbereitet. Beide hatten ihre Kliniken im Vorgespräch darüber informiert. Einer Frau* wurde unter Wehen gesagt, dass sie diesen Quatsch gern eine Weile machen könne, dass das aber letztlich nutzlos und reine Spielerei sei.

Tjanun. Das sind mal die Fakten. Ich kommentiere diese Aufzählung bewusst nicht weiter. Was sagt ihr dazu?

Es sei noch gesagt, dass alle Kinder und alle Mamas gesund nach Hause gekommen sind.

[ NACHTRAG ] Um Missverständnissen vorzubeugen: Die vier Geburten fanden in vier verschiedenen Kliniken in drei Städten in zwei Bundesländern statt. Eins der Krankenhäuser ist als „babyfreundlich“ ausgezeichnet.

*nicht mir

16 Kommentare
  1. frau mone
    frau mone says:

    Das liest sich schrecklich! Da läuft einiges falsch in der Geburtshilfe. Ich bin froh drüber, dass bei uns alles gut war, bin ich doch mit Skepsis an die Geburt herangegangen.
    Es muss unbedingt etwas passieren…

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    • mupfammain
      mupfammain says:

      Ja, absolut. Was kann frau tun? Wir hatten einen m.E. extrem kritischen Geburtsvorbereitungskurs. Also, blauäugig ist sicher keine in den Kreißsaal marschiert. Und doch… gereicht hat das nicht.

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  2. Ensapie
    Ensapie says:

    Waren es Erstlingsmütter? Meine Erfahrung bei der 1. Geburt war auch so mit Kristellern etc. Da war ich mit der Situation an sich überfordert.
    Aber ich hab nun 4 Kids. Alle im gleichen KH. Und Geburt 3 und 4 waren sehr schön und selbstbestimmt. Und ich denke das es auch daran liegt, dass ich nun wusste was ich wollte und was nicht und was mein Körper kann.

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    • mupfammain
      mupfammain says:

      Du hast sicherlich recht damit, dass Erfahrung einen großen Vorteil bringt. Aber das ist doch keine Rechtfertigung dafür, dass Kliniken Erstgebärende einfach vollkommen überfahren, nach dem Motto, die weiß eh nicht, wie es geht. Das ist bestenfalls übergriffig, teilweise ist das auch schlicht Körperverletzung.

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  3. Ka
    Ka says:

    Das ist erschreckend! Bei mir lief trotz Saugglocke alles gut. Es wurde auch kristellert, aber die Ärzte waren nett und ich empfand es nicht als übergriffig. Wir hatten in der Geburtsvorbereitung aber auch eine Hebamme, die uns eingebläut hat, daß wir auf unsere Rechte bestehen soll.

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  4. motherbirthblog
    motherbirthblog says:

    Wenn ich sowas lese bekomme ich Puls – aber so richtig!!!
    Was du beschreibst, ist Alltag in der deutschen Geburtshilfe. Weil wir vom aktiven Gebären der Frau weg, hin zum Hilfe benötigten Entbinden entwickeln. Eine fatal Entwicklung, wenn du mich fragst. Die Geburtshelfer trauen den Frauen keine Geburten aus eigneren Kraft mehr zu – sie glauben nicht daran. Verunsichern die Frauen und greifen ein, da sie der Überzeugung sind, dass die Frau entbunden werden muss. Damit entbinden sie die Frauen nicht nur von ihrem Kind, sondern auch von der Verantwortung, ihrer Selbstbestimmung und und und. Dieser passive Geburtsprozess stößt die eigentlich aktive Gebärende aus ihrer zugedachten Rolle.
    Wenn ich hier so schreibe, werde ich rasend vor Wut!

    P.S: bei meinem ersten Geburtsvorbereitungskurs waren 8 Frauen, die in 3 verschiedenen Kliniken entbunden wurden (die Wortwahl ist Absicht!), 7 Kaiserschnitte (5 davon traumatisch) und nur 1 vaginale Geburt. Nur mal so angemerkt…

    Toller Text übrigens, den ich nicht umkommentiert lassen konnte. Du weißt warum…

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    Antworten
  5. Anni
    Anni says:

    Meine „tollen“ Erfahrungen bei drei Geburten : 1. Geburt: unnötig eingeleitet, Dauer-ctg, PDA aufgeschwatzt, Kristellern, ungefragter Dammschnitt, grobe Untersuchungen, Nähen des Dammschnittes mit Zuschauern (Studenten) ohne mich zu fragen. Damals war ich 16. 2. Geburt : wieder eingeleitet, unnötig lange CTGs, unnötige schmerzhafte Untersuchungen, Mikroblutentnahme aus dem Kopf des Kindes ohne wirklichen Grund kurz vor den Presswehen, nervige Ärztin aus dem Kreißsaal geworfen. 3. Geburt : Arzt rausgeworfen und mein Kind in Ruhe nur mit Hilfe der Hebamme und meines Mannes bekommen. Wenn man doch beim ersten Kind schon so schlau wäre ^^

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  6. kinderhabenblog
    kinderhabenblog says:

    Das ist genau der Grund, warum ich nach der Geburt meines Sohnes immer ein latent schlechtes Gewissen hatte, wenn ich in frischgebackene-Mütter-Gruppen von meiner tollen und vor allem selbstbestimmten Hausgeburt erzählt habe. Demgegenüber standen nämlich immer lauter Horror-Geschichten aus den unterschiedlichsten Kreißsälen. 🙁

    Am schlimmsten waren aber immer die Frauen, die die erlebte Gewalt oder das Bevormunden völlig normal fanden und die mich als wahnsinnig abstempelten, weil ich meinte, unter der Geburt selbst entscheiden zu können. So von wegen „Die Ärzte wissen doch besser, was gut für dich ist!“. Ja ja, is klar. In solchen Fällen habe ich mir mittlerweile das Diskutieren abgewöhnt…

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    • Nicole
      Nicole says:

      Ich habe mein erstes Kind auch zu Hause geboren. Ganz bewusst, weil ich das so wollte (meinen Mann musste ich noch ein bisschen überzeugen). Ich hab mich in der Schwangerschaft sehr intensiv mit der Geburt beschäftigt und wollte auf gar keinen Fall in diese Interventionsschleife in einem Krankenhaus geraten.
      In unserem GVK gab es fast 50% Kaiserschnitte, was mich wirklich geschockt hat.
      Ich höre übrigens auch immer wieder, dass den Frauen nicht geglaubt wird, dass sie schon so heftige Wehen bzw. auch schon Presswehen haben. Erstmal muss ein CTG geschrieben werden. Das ging sogar schon soweit, dass ein Kind im CTG-Raum geboren wurde, weil die Mutter (Zweitgebärende) meinte, sie bewege sich keinen Meter mehr und das Kind kommt JETZT!
      Ich kann nur hoffen, dass ich bei einer erneuten Schwangerschaft, meine Hausgeburtshebamme wieder bekomme. Egal zu welchem Preis (ich sag nur Rufbereitschaftspauschale), denn eine selbstbestimmte Geburt mit 1:1 Betreuung ist für mich unbezahlbar.

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    • Sanne
      Sanne says:

      Schade, dass wir uns bei solchen Treffen nie begegnet sind 😊 Mir geht es bei Erzählungen über die Geburtserfahrungen auch immer wie dir. Bei all den grauenhaften Entbindungs-Erlebnissen im
      Krankenhaus muss ich mich immer schlecht fühlen wenn ich von meiner schmerzfreien, selbstbestimmten, friedlichen Hausgeburt berichte. Meist sage ich nur noch dass ich es mutig finde in’s Krankenhaus zu gehen. Bei Nachfragen warum sag ich dann sie sollen sich selbst informieren. Jegliche Aufklärungsversuche scheitern am Nichtverständnis da uninformiert.

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  7. Emily
    Emily says:

    Hallo,
    schön dass das hier thematisiert wird. Meine erste Geburt mit einer Hebamme die kaum bei mir war, unnötig eingeleitet, unter Druck gesetzt darum PDA, Geburtsstillstand, Wehentrop, kristeller(Ärztin hat dabei telefoniert), saugglocke und mein Kind musste intensiv versorgt werden und ich wurde vor Plazentageburt allein gelassen. Mein Mann (sollte das Kind begleiten) durfte nicht mit zum Kind kam zurück und sah mich in riesen Blutlache. ER hat Alarm geschlagen und siehe da 3 Ärzte 2 Hebammen alle bei mir. Keine Ahnung wie ich mein nächstes Kind auf die Welt bringen soll. So sicher nicht. Ob man gerade versucht mit allen Mitteln zu verhindern dass Kinder gezeugt werden?

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